75 Jahre nach Kriegsende widmete die Frauen Union ihre erste Veranstaltung im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe „Hinschauen und Mitreden“ dem einst reichen jüdischen Leben in Bad Wildbad. Dr. Marina Lahmann, Historikerin und Stadtmarketingleiterin Bad Wildbad, entführte die auch von weiter angereisten Gäste in eine Zeit, in der jüdische Mitbürger in Bad Wildbad lebten und wirkten.

Die Zuhörer erfuhren von der Projektgruppe „Spuren jüdischen Lebens in Bad Wildbad“, zu der Vertreter der Evangelischen Kirchengemeinde , der Volkshochschule Calw, des Vereins „Menschen Miteinander/Interkultureller Garten Oberes Enztal“ und des Enztal-Gymnasiums Bad Wildbad gehören. In diesem Rahmen finden regelmäßig verschiedene kulturelle Veranstaltungen statt. Um diese zu ermöglichen, recherchiert und erforscht die Gruppe die Geschichten und Schicksale von jüdischen Mitbürgern. „Dies ist mitunter sehr aufwändig, verlieren sich doch die Spuren schnell, nachdem sie Wildbad verlassen hätten“, informierte Lahmann.
Laut Lahmann gab es keine gewachsene jüdische Gemeinde in Bad Wildbad. Erst im 19. Jahrhundert traten jüdische Geschäftsleute auf, die sich um die zunehmenden Kurgäste jüdischer Abstammung kümmerten. Ihrer Schätzung nach könnten dies bis zu 10 Prozent der damaligen Kurgäste gewesen sein, die im Staatsbad wohlwollend aufgenommen wurden. Ende des 19. Jahrhunderts war die jüdische der deutschen Bevölkerung rechtlich weitgehend gleichgestellt. Beispielhaft für die Übernahme bestehender oder Eröffnung neuer Hotels nannte sie das ehemalige Gasthaus „Schwanen“ und das Hotel „Weil“, das spätere „Metropol“. Das ehemalige Hotel „Post“ spielte im Jahr 1945 im Zusammenhang mit Juden-Rettungstransporten eine wichtige Rolle. Lahmann berichtete von einem Geheimtreffen zwischen SS-Reichsführer Heinrich Himmler und dem Schweizer Altbundespräsidenten Jean-Marie Musy, in dem vereinbart wurde, dass alle 2 Wochen 1.200 bis 1.300 Juden aus den Konzentrationslagern in die Schweiz und von dort in die USA gebracht werden sollten. Nur ein Zug sollte es schaffen, da Hitler von der Vereinbarung erfuhr und jegliche weitere Transporte verbot. Himmler wurde von seinen Ämtern enthoben.

Stellvertretend für die in Bad Wildbad niedergelassenen jüdischen Badeärzte konnte Lahmann von Max Günzburger aus Düsseldorf berichten. In seiner Praxis betreute er sowohl jüdische als auch nichtjüdische Patienten. Im Jahr 1938 wurde ihm von den Nazis die Approbation entzogen. In Theresienstadt kam er im November 1942 zu Tode.

Erwähnenswert fand Lahmann die Geschichte der Schwestern Freund, die aus einer Odenheimer Großfamilie kamen und mehrere Jahrzehnte ein Kurzwaren- und Wäschegeschäft in der Wilhelmstraße führten. Im Jahr 1938 verkaufte die letzte Schwester in hohem Alter das Haus und zog nach Mannheim.
Angelika Holzäpfel, Vorsitzende der Frauen Union, betonte, wie wichtig gelebte Erinnerungskultur sei. So wird die Frage „was dürfen wir nicht vergessen ?“ gestellt und beantwortet. Insofern wirke Erinnerungskultur gemeinschaftsstiftend.
Holzäpfel bedankte sich bei CDU-Stadtverbandsvorsitzenden Jochen Borg für die fruchtbare Zusammenarbeit – nicht nur in Zusammenhang mit der aktuellen Veranstaltung.

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