Die Frauen Union Kreis Calw widmete ihre zweite Veranstaltung im Rahmen der neuen Veranstaltungsreihe „Hinschauen und Mitreden“ den digitalen Medien und deren Wirkung auf Kinder und Jugendliche. Der Einladung zu dem Vortrag mit anschließender Diskussion waren zahlreiche interessierte Gäste in das Gasthaus „Alte Linde“ nach Bad Wildbad gefolgt.

Als Referent konnten Vorsitzende Angelika Holzäpfel und Jochen Borg, Stadtrat und CDU-Stadtverbandsvorsitzender Bad Wildbad, den Leiter des Kreismedienzentrums Calw, Michael Rotter, gewinnen. Dieser stützte sein Impulsreferat auf erste Ergebnisse einer aktuellen Langzeitstudie zu diesem Thema. Mit dem aus Rotters Sicht interessantesten, weil nicht unbedingt erwartbaren Punkt, eröffnete er seinen Vortrag: „Die schlimmsten Prognosen aus früheren Beobachtungen und Studien sind so nicht eingetroffen. Ein wichtiges Ergebnis der Studien ist, dass digitale Medien weder gut noch schlecht sind. Die Dosis ist entscheidend. Es hängt davon ab, wer sie wie lange und wie nutzt“, zitiert der Medienexperte aus der Studie. Rotter hebt hervor, dass der Einsatz von Medien im Unterricht keinem Selbstzweck folgen dürfe. Stets müsse differenziert und zielorientiert vorgegangen werden. Mehrwert und Lernfortschritt für die SchülerInnen sollten im Auge behalten werden.
Die Fakten über den Medienkonsum der Kinder in Europa sprechen, so Rotter, eine deutliche Sprache. Bereits 4 Monate alte Babys hätten erste Kontakte zum Fernsehen, ein Drittel der unter Zweijährigen bereits bis zu 90 Minuten. Da ein Kind unter zwei Jahren nicht zwischen Bildschirm und Realität unterscheiden könne, sei Bildschirmzeit für ein Kind verlorene Zeit, wie Versuche gezeigt hätten. Rotter führte weiter aus, dass bei Kleinkindern bis sechs Jahren Kinderärzte und Psychologen Interaktionsstörungen beobachteten, die sich in Wutanfällen oder verzögerter Sprachaneignung äußerten. „Je größer der Fernsehkonsum vor dem dritten Lebensjahr, desto mehr Aufmerksamkeitsprobleme gibt es im Schulalltag, vermutlich wegen der schnell wechselnden Filmsequenzen im Gegensatz zum eher langsamen Lernen von Lesen und Schreiben im Unterricht“, führt Rotter den Zuhörern vor Augen. Bis zum Alter von sechs Jahren empfiehlt Rotter, den Medienkonsum auf täglich eine Stunde zu begrenzen, dann möglichst mit Elternteil und nicht während des Essens oder vor dem Schlafengehen. Bis zum Alter von zwölf Jahren liegt laut Rotter der tägliche Medienkonsum bei durchschnittlich 4:40 Stunden, ab 13 Jahren bei 6:40 Stunden. „Mädchen nutzen eher die sozialen Netzwerke, während sich Jungen mit Computerspielen die Zeit vertreiben, führt er aus. Oft sei das Bewusstsein der Eltern über die Auswirkungen nicht vorhanden. Seit 2018 ist die Spielsucht durch die Weltgesundheitsorganisation als Krankheitsbild anerkannt. Gesetze und Verbote helfen seiner Ansicht nach jedoch nicht. Vielmehr kämen die Betroffenen nicht mit ihrer aktuellen Lebenssituation zurecht und flüchten sich in die Spielewelt. Das hinter den Spielen steckende Belohnungssystem mache sich die Industrie zunutze, was Abhängigkeiten schaffe.
Nach der anschließenden Diskussionsrunde stellte Schuldekan Thorsten Trautwein eine Verbindung zum Thema „ Erinnerungskultur in digitalen Zeiten“ her. Das digitale Archiv „www.papierblatt.de“ eröffnet die Möglichkeit, Zeitzeugen und Überlebende des Holocaust digital zu besuchen, stellte Trautwein das Projekt vor. Etwa 30 eindrückliche Videoberichte und Fachbeiträge seien dort zu finden und könnten für den Schulunterricht verwendet werden.

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